Liberia


Liberia
Li|be|ria; -s:
Staat in Westafrika.

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Liberia,
 
 
 
Fläche: 111 369 km2
 
Einwohner: (2000) 3,2 Mio.
 
Hauptstadt: Monrovia
 
Amtssprache: Englisch
 
 
Währung: 1 Liberianischer Dollar (Lib$) = 100 Cent (c)
 
Zeitzone: 1100 Monrovia = 1200 MEZ
 
amtlich englisch Republic of Liberia [rɪ'pʌblɪk əv laɪ'bɪəriə], deutsch Republik Liberia, Staat in Westafrika, zwischen Sierra Leone im Nordwesten, Guinea im Norden und der Republik Elfenbeinküste im Osten, grenzt im Südwesten an den Atlantischen Ozean, 111 369 km2, (2000) 3,2 Mio. Einwohner; Hauptstadt ist Monrovia, Amtssprache Englisch, Umgangssprachen Krio (kreolisches Englisch), Mande- und Kru-Sprachen. Währung: 1 Liberianischer Dollar (Lib$) = 100 Cent (c). Uhrzeit: 1100 Monrovia = 1200 MEZ.
 
 Staat und Recht:
 
 
Nach der am 6. 1. 1986 in Kraft getretenen Verfassung (1997 modifiziert) ist Liberia eine präsidiale Republik. Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und oberster Inhaber der Exekutive (Regierungschef) ist der für vier Jahre direkt gewählte Präsident. Die Legislative liegt beim Zweikammerparlament (Legislaturperiode vier Jahre), bestehend aus Senat (26 Mitglieder) und Repräsentantenhaus (64 Abgeordnete). 1990-97 war die verfassungsmäßige Ordnung infolge des Bürgerkriegs außer Kraft gesetzt.
 
Parteien:
 
Einflussreichste Parteien im 1996/97 wiederbelebten Mehrparteiensystem sind die National Patriotic Party (NPP), die Unity Party (UP) und die All Liberia Coalition Party (ALCOP).
 
 
Das Wappen (1847) zeigt eine von der aufgehenden Sonne beschienene Küstenlandschaft, im Vordergrund einen Pflug und einen Spaten am Fuß einer Palme (Symbol für den fruchtbaren Boden); auf dem Meer ein Schiff unter Segel, über diesem eine Taube mit einem Blatt Papier im Schnabel. Über dem Schild befindet sich auf einem Schriftband der Wahlspruch »The Love of Liberty brought us here« (»Die Freiheitsliebe brachte uns hierher«), unter dem Schild der offizielle Landesname.
 
Nationalfeiertage:
 
26. 7., zur Erinnerung an die Ausrufung der unabhängigen Republik Liberia 1847.
 
 
Liberia ist in 13 Bezirke (counties) gegliedert.
 
 
Grundlage des Rechtswesens ist das angloamerikanische »Common Law«, das durch liberianisches Gesetzes- und Richterrecht modifiziert wird. Seit Ausbruch des Bürgerkrieges Ende 1989 ist die staatliche Rechtspflege jedoch weitgehend zum Erliegen gekommen.
 
 
Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges Ende 1989 setzte der Auflösungsprozess der Regierungsarmee von Präsident S. Doe ein. Die Ausrüstung wurde größtenteils zerstört oder gelangte in die Hände der verschiedenen Bürgerkriegsparteien.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Die naturräumliche Großgliederung ist gekennzeichnet durch den stufenförmigen Anstieg von der Küste in das bergige Landesinnere. Gleichzeitig bewirken die tief eingeschnittenen Täler der Flüsse Saint Paul und Cestos eine Aufteilung in den stark bewaldeten Westen, den stärker besiedelten und kultivierten Zentralraum und das riesige, fast menschenleere Waldgebiet im Osten. Die 570 km lange, kaum gegliederte Ausgleichsküste (ehemalige »Pfefferküste«) ist durch die zahlreichen Diabasklippen, Mangrovensümpfe, Lagunen, Strandwälle, Nehrungen und die heftige Brandung (Calema) nur schwer zugänglich. Die 10-15 km breite, sumpf- und gewässerreiche Küstenebene bleibt meist unter 50 m über dem Meeresspiegel und ist randlich vielfach mit känozoischen Meeresablagerungen (Mangrovensanden, Sandsteinen) bedeckt. Sie geht mit einer durch zahlreiche Stromschnellen der Flüsse angezeigte Geländestufe in die zertalte Rumpffläche des inneren Plateau- und Hügellandes über (200-400 m über dem Meeresspiegel). Dieses ist zu 80 % aus Gneisen und Graniten aufgebaut, die oberflächlich zu Roterden umgewandelt sind. Die nördliche Mittelgebirge erreichen in den Nimbabergen (bis 1 384 m über dem Meeresspiegel auf liberianischem Gebiet) und in der Wologisi Range (Mount Wutivi, etwa 1 350 m über dem Meeresspiegel) die größten Höhen.
 
 
Liberia hat subäquatoriales Klima. Die zentralen und nördlichen Landesteile weisen eine Regenzeit (Anfang Juni bis Ende Oktober) auf, im nördlichen Küstenabschnitt (nördlich von Buchanan) wird die Regenzeit im August von einer Trockenperiode unterbrochen. Im äußersten Süden treten zwei Regenzeiten (Mai-Juni, September-Oktober) auf. Die Jahressumme der Niederschläge liegt an der Küste bei 4 600 mm und fällt landeinwärts stetig bis auf etwa 1 900 mm bei Suakoko, in den nördlichen Mittelgebirgen steigt sie dann wieder an (3 150 mm im Nimba). Die mittlere Temperatur liegt an der Küste bei 26 ºC, die täglichen Extremwerte liegen bei 33 ºC und 16 ºC. Im Landesinneren treten größere jahres- und tageszeitliche Amplituden auf, die Temperaturen können bis auf 44 ºC ansteigen (in Tapeta) und während der Harmattanperiode (Dezember-Januar) bis auf 11 ºC absinken. Die relative Luftfeuchtigkeit ist hoch (in Monrovia 85 %), ebenso die Wassertemperatur an der Küste (durchschnittlich 26,8 ºC). Kurze, heftige Gewitter im Frühjahr und Herbst kennzeichnen den Wechsel zwischen Südwestmonsun und Nordostpassat.
 
 
Der ursprünglich im ganzen Land vorherrschende tropische Regenwald zeigt starke anthropogene Veränderungen im Küstenstreifen (Wald-Savannen-Mosaik), im nördlichen Bergland (Feuchtsavanne mit Elefantengras) und im Zentralteil (Kautschukplantagen). Staatsforste (etwa 15 500 km2) und periodisch gerodete Sekundärwälder nehmen rd. 75 % des Staatsgebietes ein.
 
 
Staatstragende Schicht (jedoch nur 3 % der Bevölkerung) sind die Nachkommen der 1822 eingewanderten ehemaligen Sklaven aus den Südstaaten der USA (»Amerikoliberianer«); sie haben einen amerikanischen Lebensstil, sprechen das breite Englisch der Südstaaten der USA und sind Christen. Von den etwa 20 autochthonen ethnischen Gruppen stellen die Kpelle in Zentralliberia (meist Hackbauern) und die Bassa um Buchanan (vielfach im Bergbau und als Hausbedienstete tätig) zusammen über ein Drittel der Bevölkerung. Im Norden leben die Dan (in Liberia Gio genannt) und die Mano. An der Küste (östlich von Greenville) spielen die Kru eine wichtige Rolle in seemännischen und technischen Berufen. Neben der Amtssprache Englisch bestehen die Sprachen der Ethnien. Die meist muslimischen Vai um Robertsport wurden durch die Schaffung einer Schriftsprache (um 1815) bekannt. In Liberia leben rd. 30 000 Libanesen. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung ist mit (1985-94) 3,2 % hoch; der Anteil der städtischen Bevölkerung beträgt (1994) 45 %. Die Bevölkerungsdichte ist an der Küste (um Monrovia 90 Einwohner je km2) und in den Bergbau- und Kautschukanbaugebieten am größten. Die geringe Dichte im Südosten (6 Einwohner je km2) und in anderen Regionen erklärt sich aus Waldreichtum und starker Binnenwanderung zu den Kautschukplantagen, nach Monrovia (einzige Großstadt des Landes mit 668 000 Einwohnern) und in die Bergbauzentren in den Nimbabergen (Yekepa), in den Bomi Hills (Vai Town) und in der Bong Range (Bong Town). - Infolge des seit 1989 andauernden Bürgerkrieges sind etwa 750 000 Liberianer nach Guinea und in andere Nachbarstaaten geflohen.
 
 
Es besteht Religionsfreiheit. Alle Religionsgemeinschaften sind rechtlich gleichgestellt. Bezogen auf seine Geschichte und die Grundlagen der Staatsordnung versteht sich Liberia als »christlicher Staat«. Offiziell wird etwa die Hälfte der Bevölkerung traditionellen afrikanischen Religionen zugerechnet. Nach kirchlichen Angaben gehören rd. 37 % der Bevölkerung christlicher Kirchen an, davon sind 20 % Protestanten (v. a. Methodisten, Baptisten, Lutheraner, Pfingstler und Presbyterianer), 13 % Mitglieder unabhängiger Kirchen und 3,3 % Mitglieder der katholischen Kirche (Erzbistum Monrovia mit zwei Suffraganbistümern). Größte protestantische Kirche ist die »United Methodist Church in Liberia« (»Vereinigte Methodistische Kirche in Liberia«) mit rd. 70 000 Mitgliedern. Die über 20 000 Anglikaner gehören der im 19. Jahrhundert aus der Missionstätigkeit der protestantischen Episkopalkirche in den USA hervorgegangenen »Episcopal Church« an (Sitz des Bischofs: Monrovia), die seit 1982 Teil der anglikanischen Kirche der Provinz Westafrika ist. Etwa 20 % der Bevölkerung (v. a. die Vai und die Malinke) sind sunnitische Muslime der malikitischen Rechtsschule. Die Bahais bilden eine zahlenmäßig kleine religiöse Minderheit. Eine große Rolle spielen Geheimbünde, in denen sich Männer (Poro), aber auch Frauen zusammengeschlossen haben.
 
 
Das Schulwesen ist nach amerikanischem Vorbild aufgebaut: Primarschule (sechs Jahre), Sekundarstufe I (drei Jahre) und II (drei Jahre); die Sekundarstufen haben allgemeine und berufliche Zweige und Abschlüsse. Es besteht Schulpflicht vom 6. bis 16. Lebensjahr, der Schulbesuch ist kostenlos. Die Analphabetenquote beträgt 61,7 %. Liberia besitzt eine Universität in Monrovia (gegründet 1862 als College, seit 1951 Universität), das College of Science and Technology sowie das von der Kirche getragene Cuttington College.
 
 
Die wichtigsten Printmedien, u. a. »Daily Observer«, »Sunday Express«, »Daily Listener« und »Liberian Star«, erscheinen in englischer Sprache in Monrovia. Amtliche Presseagentur ist »Liberian News Agency« (LINA). Die staatliche Rundfunkgesellschaft »Liberian Broadcasting System« verbreitet landesweit ein Hörfunk- sowie ein Fernsehprogramm. Private Hörfunkprogramme werden von religiösen Institutionen sowie der »Voice of America« ausgestrahlt.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Der jahrelange Bürgerkrieg hat die wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes fast vollständig zum Erliegen gebracht. Der Abbau von Eisenerz und die Kautschukgewinnung bilden die ökonomische Grundlage Liberias. Gemessen am Bruttosozialprodukt je Einwohner, das im Zeitraum von 1987 bis 1992 von 450 US-$ auf 200 US-$ sank, gehört das rohstoffreiche Land zu den ärmsten Ländern der Erde.
 
 
1993 arbeiteten 69 % der Erwerbstätigen im Agrarsektor. Wichtigster Zweig ist die 1926 aufgenommene Kautschukgewinnung. Die Firestone-Plantage bei Harbel ist mit 12 Mio. Bäumen auf 35 750 ha Fläche die größte der Erde. 1987 wurde die gesamte Kautschukanbaufläche in Liberia auf 120 000 ha geschätzt. Mit einer Erntemenge von 104 000 t Naturkautschuk lag Liberia weltweit an 7. Stelle, in Afrika an 1. Stelle. Bis 1992 ging die Erntemenge infolge des Bürgerkrieges auf 22 000 t zurück. Kaffee, Kakao, Palmkerne und Erdnüsse sind die wichtigsten Exportprodukte der Kleinbauern. Sonst wird der Boden überwiegend im Wanderfeldbau mit Brandrodung zur Selbstversorgung genutzt. Hauptanbauprodukte sind Maniok, Reis, Bananen, Zuckerrohr und Gemüse. Die Nahrungsmittelerzeugung wurde gegenüber der einträglicheren Kautschukgewinnung vernachlässigt, sodass große Mengen des Grundnahrungsmittels Reis importiert werden müssen. Nach einem starken Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion gibt es seit 1992 wieder einen leichten Zuwachs.
 
 
Etwa ein Drittel des Landes wird forstwirtschaftlich genutzt. Vom gesamten Holzeinschlag (1991: 6,1 Mio. m3) entfallen knapp 20 % auf Nutzholz.
 
 
Fisch ist neben Reis das wichtigste Nahrungsmittel. Fischfang wird sowohl an der Küste als auch in den Flüssen, Lagunen und Prielen betrieben. Die Fangmenge ist um die Hälfte zurückgegangen und betrug 1991 nur noch 9 600 t, davon entfielen knapp 60 % auf Seefische.
 
 
Der Abbau von Eisenerz ist der wichtigste Sektor der Volkswirtschaft. Liberia war mit einer Fördermenge von (1987) 13,9 Mio. t der zweitgrößte Eisenerzproduzent Afrikas, 1988 wurden nur noch 8 Mio. t Eisenerz im Tagebau gefördert. Die wichtigsten Abbaustätten liegen in den Nimbabergen und am Mano River. Im Nimba und am Lofa River werden Diamanten gewonnen (1990: 130 000 Karat, davon 54 % Schmuckdiamanten).
 
 
Die bedeutendsten Verarbeitungszweige sind Nahrungsmittelindustrie (u. a. Ölmühlen), Holz- und Textilverarbeitung sowie Eisen verarbeitende und chemische Industrie (Kautschukverarbeitung, Erdölraffinerie). Im Hauptindustriestandort Monrovia wurde 1988 eine freie Produktionszone geschaffen. Der Handel liegt v. a. in Monrovia in den Händen von libanesischen, indischen und pakistanischen Geschäftsleuten.
 
 
Bis Anfang der 90er-Jahre hatte Liberia eine positive Handelsbilanz (1992: Einfuhr 240 Mio. US-$, Ausfuhr 350 Mio. US-$), seither zeigt sich ein deutlicher Exportrückgang. Bei Eisenerz, seit 1961 Hauptexportprodukt, betrug 1989 der Exportanteil 51 %; Naturkautschuk, Holz, Kaffee und Kakao kamen zusammen auf 30 %. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen Deutschland und die USA.
 
Verkehr:
 
Im Küstenbereich war vor Beginn des Bürgerkrieges die Verkehrsinfrastruktur relativ gut entwickelt. Die drei Eisenbahnlinien der Bergbaugesellschaften (Streckenlänge 1989: 490 km) dienen fast ausschließlich dem Eisenerztransport. Das Straßennetz (1991: 6 100 km) konzentriert sich auf das Gebiet zwischen Buchanan und der Grenze zu Sierra Leone, jedoch sind alle Hauptorte durch ganzjährig befahrbare Straßen verbunden. - Zwar hat Liberia mit einem Bestand von (1994) 1 518 Schiffen und einer Tonnage von 53,1 Mio. BRT nach Panama die größte Handelsflotte der Welt; da Liberia zu den Billigflaggenländern zählt, fahren jedoch meist ausländische Schiffe aus Kostengründen unter liberianischer Flagge. Wichtigste Seehäfen sind Monrovia (mit Freihafen) und Buchanan für den Eisenerzexport sowie Greenville und Harper v. a. für den Holzexport. Der internationale Flughafen Robertsfield liegt 60 km östlich von Monrovia.
 
 
Der Küstenstreifen des heutigen Liberia wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts von Portugiesen entdeckt und später in Europa unter dem Namen »Pfefferküste« bekannt. Europäische Handelsniederlassungen entstanden jedoch nicht. Ab 1822 siedelten amerikanische Kolonisationsgesellschaften freigelassene Sklaven an der Küste an und gründeten eine amerikanische Kolonie, später weitere Siedlungen, die sich Mitte der 1840er-Jahre zusammenschlossen. Die Amerikoliberianer (um 1865 etwa 18 000) kolonisierten gegen den heftigen Widerstand der autochthonen Bevölkerung (Afroliberianer) das Land und proklamierten am 26. 7. 1847 die Republik Liberia, deren Grenzen 1885 nach der Unterwerfung zahlreicher Stämme im Landesinneren festgelegt wurden. Die politische Macht blieb in den Händen der Amerikoliberianer und der »True Whig Party«, ursprüngliche Vertretung der ärmeren Siedler. Liberia wurde damit zum ersten Einparteienstaat Afrikas. Ausländische Firmen (vor 1914 meist britische und deutsche, nach 1918 v. a. die Kautschuk anpflanzende amerikanische Firestone Company) beherrschten die Wirtschaft. Versuche von Präsident W. V. S. Tubman (Amtszeit: 1944-71), die Rivalität zwischen Afro- und Amerikoliberianern zu beseitigen und die zahlreichen ethnischen Stämme in den Staat zu integrieren, blieben auch unter seinem ebenso autoritär regierenden Nachfolger William R. Tolbert (* 1913, ✝ 1980; Amtszeit: 1971-80) erfolglos. Nach dem Bekanntwerden der Regierungs-Pläne zu einer Preiserhöhung für Reis kam es im April 1979 zu blutigen Unruhen (»Reisunruhen«).
 
Unter Führung von S. Doe putschte am 12. 4. 1980 das Militär und tötete Tolbert. Als Vorsitzender eines »Volkserlösungsrates« und Präsident übernahm Doe als erster Afroliberianer die Macht. Nach Verhängung des Kriegsrechts am 24. 4. 1980 wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt, die bestehenden Parteien wurden verboten. Durch Militärtribunale ließ Doe führende Repräsentanten des gestürzten Regierungssystems u. a. wegen »Hochverrats« anklagen und verurteilen. Auf der Grundlage der durch Referendum 1984 gebilligten Verfassung fanden im Herbst 1985 umstrittene Wahlen statt, bei denen erwartungsgemäß Doe und seine nach Zulassung von Parteien (1984) gegründete »National Democratic Party of Liberia« (NDPL) siegten.
 
Am 24. 12. 1989 begann ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Truppen Does und der aus der Republik Elfenbeinküste einmarschierenden »National Patriotic Front of Liberia« (NPFL) unter Führung von Charles Ghankay Taylor. Infolge der Kämpfe, des Vormarsches der NPFL und der von beiden Seiten verübten Massaker setzte eine starke Flüchtlingsbewegung in die Nachbarstaaten sowie innerhalb des Landes ein. Die in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft zusammengeschlossenen Staaten entsandten im August 1990 eine Friedenstruppe. Nach der Ermordung Does im September 1990 wurde am 23. 11. 1990 Amos Sawyer als interimistischer Staatspräsident vereidigt. Der Bürgerkrieg wurde jedoch mit unverminderter Härte fortgesetzt. Die zunehmend weite Teile des Landes erobernde NPFL kämpfte nun gegen die Friedenstruppe sowie gegen die von Anhängern Does getragene »United Liberation Movement« (ULIMO), die sich später aufsplitterte in die sich feindlich gegenüberstehenden Truppen der ULIMO-K unter Alhaji Kromah und der ULIMO-J unter Roosevelt Johnson, der jedoch im März 1996 als Befehlshaber abgesetzt wurde. Das führte schließlich auch zu Kämpfen innerhalb der ULIMO-J. Daneben existierten weitere, häufig ethnisch fundierte Rebellengruppen.
 
Der anhaltende Bürgerkrieg wirkte zunehmend destabilisierend auf die ganze Region und weitete sich auch auf Nachbarstaaten, v. a. Sierra Leone, aus. Zahlreiche Waffenstillstands- und Friedensabkommen, vielfach unter Vermittlung der UNO, blieben weitgehend wirkungslos. Im September 1995 wurde eine Übergangsregierung, die alle wesentlichen Kriegsparteien einschloss, gebildet (seit September 1996 unter Ruth Perry). Vertreter westafrikanischer Staaten einigten sich mit den führenden Rebellengruppen im August 1996 erneut auf einen Friedensplan, eine Waffenruhe und die Entwaffnung der verfeindeten Truppen. Nach sieben Jahren Bürgerkrieg, bei dem rd. 150 000 Zivilisten starben und schätzungsweise 750 000 Liberianer in Nachbarstaaten flüchteten, fanden schließlich im Juli 1997 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt, die Taylor sowie die unter seiner Führung stehende NPP (hervorgegangen aus der NPFL) gewann. Trotz der Ankündigung demokratischer Reformen regiert Taylor weitgehend diktatorisch.
 
 
M. Dick: Probleme der nat. Identität in L. (1970);
 
L. in maps, hg. v. S. von Gnielinski (London 1972);
 Willi Schulze: L. Länderkundl. Dominanten u. regionale Strukturen (1973);
 R. Kappel: Ökonomie, Klassen u. Staat in L. (1982);
 Y. Gershoni: Black colonialism (Boulder, Colo., 1985);
 J. G. Liebenow: L. The quest for democracy (Bloomington, Ind., 1987);
 D. van den Boom: Bürgerkrieg in L. Chronologie - Protagonisten - Prognose (1993);
 W. Korte: Ethn. Tradition u. militär. Intervention in Afrika. Essay über den Putsch in L. (1995).
 

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Li|be|ria; -s: Staat in Westafrika.

Universal-Lexikon. 2012.

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